Zorels Traum - Der Prophet Jakob Lorber

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Zorels Traum
- Entwicklung einer Seele aus der Schlammtiefe
bis zur Wiedergeburt des Geistes -


"Zinka legt Zorel die Hände auf und versetzt ihn in einen Verzückungsschlaf, in dem seine Seele frei und sein Geist für kurze Zeit wirkend in ihr auftritt. Durch ihn zeigt uns der Herr, wie sich seine Seele aus der Schlammtiefe der Welt bis zur Vereinigung mit ihrem Geist, was als geistige Wiedergeburt bezeichnet wird, entwickelt.
Nach einer Zeit von einer starken Viertelstunde fängt Zorel, sonst fest schlafend mit stark zugeschlossenen Augen also zu reden an: „O Gott, o Gott, was bin ich doch für ein gar elender und schlechter Mensch, und was für ein ehrlicher und biederer Mensch könnte ich sein, wenn ich's nur sein wollte; aber darin liegt eben der Fluch der Sünde und der Lüge und des Hochmuts, welche beiden die eigentliche Grundsünde sind, dass sie sich selbst stets wieder von neuem zeuget und vermehret wie das Gras auf der Erde und der Sand im Meere! O Gott! Ich habe so viele Sünden und Makel an meiner Seele, dass ich vor lauter Sünden meine Haut nicht sehe; ja, wie in einem dicksten Rauche und Nebel stecke ich nun in meiner zahllosen Sünden Wucht! O Gott, o Gott, wer wird mich je von meinen Sünden frei zu machen imstande sein?! Ich bin ein Hauptdieb, ich bin ein Lügner, und so ich lüge, da lüge ich noch immer neu hinzu, um durch eine neue Lüge die alte zu bekräftigen und sie als irgendeine Wahrheit geltend zu machen. O ich abscheulicher Lügenhund ich! Alles, was ich habe, habe ich nur durch Lüge und Betrug und durch geheimen und offenen Diebstahl an mich gebracht! Freilich wohl hielt ich das alles in meiner großen Blindheit für keine Sünde, aber ich hatte auch oft die Gelegenheit, mich von der Wahrheit überzeugen zu lassen. Aber ich wollte mich nicht überzeugen lassen! Ich schob immer Sparta und Lykurg vor und verachtete stets Roms weise Gerechtigkeitsgesetze! Oh, ich gar zu gemein schlechter Lump ich! Na, das einzige nur tröstet mich, dass ich noch niemanden ermordet habe; aber es hätte nicht viel gefehlt! Wäre meine Magd nicht vorher durchgegangen, als ich nach Hause kam, so wäre sie ein trauriges Opfer meiner teufelsargen Wut geworden! Oh, ich bin ein gar scheußliches Ungeheuer! Ich bin ärger denn ein Bär, ärger denn ein Löwe, ärger denn ein Tiger, ärger denn eine Hyäne, viel ärger denn ein Wolf, und um vieles ärger denn eine wilde Sau! Denn ich bin auch schlau wie ein Fuchs, und das stempelt mich zu einem wahren vermummten Teufel! Oh, ich bin sehr krank an meiner Seele, und du, Bruder Zinka, wirst mich schwer oder gar nicht heilen!
Es wird nun wohl etwas heller in mir, und der gar dicke Rauch und die gar dichten Nebel um mich schwinden! Sieh, sie werden dünner, und es kommt mir vor, dass ich leichter atme; aber in dieser größeren Helle sehe ich erst so recht meine wahre Ungestalt, voll von allerlei Aussatz, voll von Beulen und eklichen Geschwülsten! Ach, ach, meine Gestalt ist ein wahres Scheusal! Wo ist der Arzt, der mich heilte?! Mein schlechter Leib ist wohl gesund; aber es läge nichts an dem schlechten Leibe, wenn nur ich, Seele, gesund wäre! O Gott, könnte jemand meine Seele schauen, er würde sich entsetzen vor ihrer zu großen Hässlichkeit! Je heller es um mich wird, desto scheußlicher nimmt sich meine Seele aus! Bruder Zinka, gibt es denn kein Mittel, durch das meine Seele ein nur etwas besseres Aussehen bekommen könnte?!“

Hier fängt Zorel an zu seufzen in seinem Schlafe, und einige meinen, dass er nun erwachen werde. Ich [Jesus] aber sage zu ihnen allen: „O mitnichten! Das war nun nur das erste Stadium seines Schlafes; er wird noch über eine Stunde lang schlafen und bald wieder, in einem andern und höheren Stadium seines Seelenlebens zu reden anfangen. Dieses Stadium bestand in dem Sichloswinden der Seele von ihren fleischlichen und weltsinnlichen Leidenschaften, die er als lauter Krankheiten am Formleibe seiner Seele sehen und gegen die er von tiefstem Abscheu ergriffen werden musste. Für solche Seelenübel aber gibt es keine andere Arznei, als zuerst die Erkenntnis derselben, dann ihre tiefste Verabscheuung und endlich den festen Willen, ihrer ehestmöglich vollends los zu werden. Ist der Wille einmal da, so geht es dann leicht mit der Heilung vorwärts. Gebet nun nur acht, er wird gleich wieder zu reden beginnen! So er dich, Freund Zinka, wieder um etwas fragt, so antworte du ihm nun bloß nur mit den Gedanken, und er wird dich hören und ganz wohl verstehen!“
Als Ich dem Zinka solch eine Weisung noch kaum gegeben hatte, begann Zorel schon also zu reden und sagte: „Siehe, ich weinte über mein großes Elend! Aus den Tränen entstand ein Teich wie Siloah in Jerusalem; und ich bade mich nun in diesem Teiche, und siehe, dieses Teiches Wasser heilt die vielen Wunden, Geschwüre und Beulen am Leibe meiner Seele! Ah, ah, das ist ein wahres Heilbad! Die Masen (Narben) sehe ich nun wohl noch, aber die Wunden, Beulen und Geschwüre sind verschwunden vom Leibe meiner gar so armen Seele. Aber wie war das möglich, dass sich sichtlich aus meinen Tränen ein ganzer Teich gebildet hat? Den Teich umgibt eine recht herrliche Gegend; es ist das die Gegend des Trostes und einer lieblichen Hoffnung. Es kommt mir auch in meinem Gefühle so vor, als dürfte ich auf eine volle Genesung hoffen. – Ah, gar so lieblich ist diese Gegend; da möchte ich immer bleiben! Das Wasser in meinem Teiche ist sehr klar nun, aber früher war es trübe; und je klarer es wird, desto heilsamer wirkt es auf mich ein! Ah, jetzt merke ich aber auch, dass sich in mir etwas zu regen anfängt wie ein starker Wille, und hinter dem starken Willen merke ich etwas wie einen Worttrieb, und der redet laut: Ich will, ich muss, – ich muss, weil ich will! Wer kann in mir hemmen das, was ich will? Ich bin frei in meinem Willen; ich darf gar nicht wollen, was ich soll, sondern ich will, was ich selbst will! Was wahr und gut ist, das will ich, weil ich es selbst wollen will, und niemand kann mich dazu zwingen!
Ich erkenne nun die Wahrheit; sie ist ein göttliches Licht aus den Himmeln! Unsere Götter alle sind Schemen; nichts, gar nicht sind sie. Wer an sie glaubt, ist ärger denn ein wirklicher Narr; denn ein wirklicher Narr glaubt niemals an solch nichtigste Götter. Ich sehe die Götter nirgends, aber das göttliche Licht sehe und das göttliche Wort vernehme ich. Aber Gott Selbst kann ich nicht sehen; denn Er ist zu heilig für mich.
Aber nun ist mein Teichwasser schon zu einem See um mich herum geworden! Der See ist nicht tief; mir steht das Wasser nur bis an die Lenden. Und klar ist es, ganz ungeheuer klar; aber es gibt noch kein Fischlein darin! Ja, da werden aber auch nie Fischlein hineinkommen; denn die Fischlein rühren vom Gotteshauche her, und das ist gar ein allmächtiger Hauch! Ich bin nur eine sehr schwache Menschenseele, aus deren Hauche keine Fischlein Gottes werden. Oh, da gehört viel dazu, da muss man sehr allmächtig sein, so man mit seinem Hauche Fischlein zeihen will! Oh, das kann ein Mensch nimmer; denn ein Mensch ist da viel zu schwach dazu! Ganz unmöglich wäre es wohl gerade nicht für den Menschen, aber da müsste er voll des göttlichen Willens und des göttlichen Geistes sein! Das ist für einen rechten Menschen zwar nichts Unmögliches; aber ich bin kein rechter Mensch, und darum ist das für mich dennoch rein unmöglich! Aber rein ist das Wasser, und der Boden ist auch rein, lauter schönes Gras; 's ist wohl recht wunderbar: unterm Wasser ein so schönes, üppiges Gras! Und sieh, das Gras wächst zusehends und fängt an, das schöne Wasser zu verdrängen! Ja, ja, die Hoffnung wird mächtiger als die Erkenntnisse und die sie begleitende Furcht!
Ah, ah, nun sehe ich einen Menschen am ziemlich fernen Ufer; der winkt mir! Ja, ich möchte wohl hin zu ihm, weiß aber nicht, wie tief allenthalben der See ist! Wenn dazwischen etwa sehr tiefe Stellen sich vorfänden, da könnte ich ja untergehen und wäre verloren! Aber eine Stimme aus dem Wasser tönt: ,Ich bin durchweg gleich tief! Du kannst ohne Furcht und Scheu durch mich ziehen; gehe hin zu dem, der dich ruft, der dich führen und richten wird!‘ Das ist doch sonderbar; hier redet sogar das Wasser und das Gras! Nein, das ist noch nicht dagewesen! Ich gehe nun zum Freunde am Ufer. Ein Freund muss er ja doch sein, sonst hätte er mir nicht gewinkt! Zinka, du bist es nicht, – das ist ein anderer! Dich sehe ich nun auch hinter ihm; aber du bist lange nicht so freundlich wie er! Wer er etwa doch sein mag? Aber ich schäme mich vor ihm sehr, weil ich ganz nackt bin. Mein Leib sieht nun zwar schon ganz gut aus; ich entdecke nun nahe keine Krankheitsspuren mehr an ihm. Oh, wenn ich doch nur ein Hemd hätte! Aber so bin ich ganz nackt wie ein Badender. Aber ich muss doch hin; sein Winken zieht mich gewaltig! Ich gehe nun, – und sieh, es geht sich recht gut!“
Hier erfolgt eine Redepause des Zorel, und Zinka fragt: „Wie sieht er denn das alles, und wie geht er nun durch ein Wasser, und doch liegt er so unbeweglich da, als wäre er tot?!“ Sage Ich [Jesus]: „Seine Seele sieht nun nur ihre zum Bessern führenden Zustände; aus diesen formt sich im Gemüte der Seele eine eigene Welt, und das, was du hier eine Gedankenbewegung nennst, das erscheint im Seelenreich als eine Bewegung von einem Orte zum andern. Der Teich, der aus seinen Tränen entstand, und dessen Wasser seine Seele heilte, stellt seine Reue über die begangenen Sünden vor, und das Bad darin bezeichnet eine rechte Buße, die aus der Reue entspringt. Das reine Wasser bezeichnet das gerechte Erkennen seiner Sünden und Gebrechen; und so der Teich zu einem See wird, so drückt dies das mächtigere Wollen aus, aus sich selbst gereinigt und geheilt zu werden. Das schöne Gras unter dem Wasser bezeichnet die Hoffnung auf die Erreichung der vollen Gesundheit und der höheren freien Gnade Gottes. Diese stellt sich bereits am noch etwas fernen Ufer erscheinlich auf; Ich selbst bin das im Geist und im Willen. Die Bewegung zu Mir hin durch das Gewässer der wahren Reue und Buße aber bezeichnet in sich den Fortschritt der Seele zur wahren Besserung. Das alles aber ist für seine Seele nur eine entsprechende Erscheinlichkeit, aus der die Seele ersieht, wie sie beschaffen ist und was zu ihrer Besserung sie in ihrem Gemüt vornimmt und tut, – freilich in diesem Zustande nur allein im Willen, ohne eine äußere, wirkliche Tätigkeit. Diese muss erst erfolgen, so er sich im wachen Zustande im vollen Verbande mit seinem Leibe befinden wird. Nun wird er bald bei Mir sein und sogleich wieder zu reden beginnen. Gebet nur recht acht; alles, was er nun aussagt, hat Entsprechung mit seinem inneren Seelenzustand! Es wird noch manches Verworrene zum Vorschein kommen, bis er ins dritte Stadium, das ist in die zeitweilige Verbindung mit seinem reinen Lebenskeime treten wird. Im dritten Stadium werdet ihr euch dann schon überzeugen, wie zusammenhängend und wie weise er da reden wird! Jetzt spricht nur seine für diesen Augenblick geläuterte Seele; im dritten Stadium aber wird sein Geist aus ihm sprechen! Und da werdet ihr gar keine Lücken mehr in ihm entdecken; da wird er eine Rede führen, bei der es euch allen warm ums Herz wird!
Nun kommt er schon ans Ufer und sagt: ,Ah, war aber das doch eine recht mühevolle Reise! Da bin ich nun bei dir, du edler Freund! Hast du kein Hemd bei dir? Sieh, ich schäme mich meiner Nacktheit ganz entsetzlich!‘ Sage Ich aus Meinem ihm nun sichtbaren Geist und Willen: ,Steige heraus aus dem Wasser; nach deinen Werken wirst du bekleidet werden!‘
Sagt Zorels Seele: ,Freund, o rede nicht von meinen Werken; denn diese sind eitel schlecht und böse! Wenn ich danach ein Kleid bekomme, so wird es ganz entsetzlich schwarz und zerlumpt aussehen!‘
Sage Ich: ,Wenn das, so ist ja hier des Wassers genug, um es weiß zu waschen!‘
Sagt Zorel: ,O Freund, das hieße einen Mohren weiß waschen wollen! Das wird nicht gut gehen! Aber ein Kleid ist immer besser denn gar keines. Ich steige sonach aus dem Wasser!‘
Zu Meinen Füßen liegt eine Toga mit vielen Falten, aber sehr beschmutzt, obschon die Grundfarbe weißgrau ist, – eine Eigentümlichkeit der Heidenkleidungenfarbe im Geisterreich. Er nimmt das Kleid und findet einen Ekel an dem Schmutz, was da ein gutes Zeichen ist. Aber er nimmt es dennoch, eilt aber damit schnell ins Wasser und fängt an, es zu rippeln und zu schwemmen und endlich auszubalgen. Nun ist er fertig, und das Kleid ist rein. Da es aber noch feucht ist, getraut er sich nicht, es so recht mutig anzuziehen. Ich aber bedeute ihm, dass er es dennoch anziehen soll; er habe doch ehedem das Wasser nicht gescheut, wie soll er nun vor dem noch ein wenig feuchten Kleid eine Art Abscheu haben?! Nun sagt er – höret nur, denn solches wird er laut reden! –:“
Zorel: „Ist aber auch wahr! Früher hat mir der ganze See nichts gemacht, und nun sollte das feuchte Hemd mir etwas machen? Nur über den Leib damit! – Ah, wie das wohl tut!“
Nun macht Zinka mit seinen Gedanken eine Frage und sagt: „Hat denn die Seele auch einen Leib?“ Diese Frage stellte Zinka, weil er selbst keinen Dunst von dem hatte, wie da eine Seele aussieht und beschaffen ist. Denn der gewöhnliche jüdische Begriff von der Seele war, dass sie sich solche als eine Art von einem dunstigen Nichts vorstellten und sagten: sie, die Seele, sei ein purer Geist, der einen Verstand und Willen, aber durchgehends weder eine Gestalt, noch weniger irgendeinen Leib habe.
Zinka machte darum große Augen, als Zorel ihm auf die Gedankenfrage zur Antwort gab: „Na freilich hat die Seele auch einen, zwar nur ätherischen Leib, – aber für die Seele ist ihr Leib ebenso vollkommen Leib, wie dem Fleische das Fleisch vollkommen Leib ist. Nichts fehlt dem Seelenleib, was immer da innehat der fleischliche Leib. Du siehst solches mit deinen Fleischaugen freilich wohl nicht, aber ich kann das alles sehen, hören, empfinden, riechen und schmecken; denn auch die Seele hat dieselben Sinne, wie sie der Leib hat als Verkehrsmittel zwischen sich und seiner Seele. Die Sinne des Leibes sind die Leitzügel in den Händen der Seele zur Beherrschung ihres Leibes für die Außenwelt. Hätte der Leib solche Sinne nicht, so wäre er gänzlich unbrauchbar und der Seele eine unerträgliche Last. Denke dir nur einen Menschen, der völlig blind und taub wäre, nichts fühlte, weder Schmerz noch das Behagen der Gesundheit, und auch keinen Geruch und keinen Geschmack hätte; sage es dir selbst, ob der Seele mit solch einem Leibe in etwas gedient wäre! Müsste sie bei ihrem sonstigen vollsten und klarsten Bewusstsein nicht völlig verzweifeln? Aber im gleichen Maße würden der Seele die schärfsten Sinne des Leibes nichts nützen, so sie nicht selbst in ihrem ätherischen Leibe ganz dieselben Sinne besäße! Weil aber auch die Seele dieselben Sinne besitzt wie der Leib, so nimmt sie denn auch leicht und bestimmt mit ihren feinen Sinnen wahr, was vorausgehend die Sinne des Leibes von der Außenwelt wahr- und aufgenommen haben. – Nun weißt du, wie die Seele auch eine leibliche Form ist.
Du weißt es zwar nun, da ich es dir gesagt habe, wie ich es nun schaue, fühle und wie körperlich empfinde; wenn ich aber wieder wach werde, dann wirst du das noch wissen, aber ich werde nichts davon wissen, weil ich das nun nur mit meinen feinen Seelensinnen sehe, fühle und empfinde – und nicht zugleich auch mit den Sinnen des Leibes. Würde ich das alles nun auch mit den Sinnen des Leibes wahrnehmen, so würden diese auf meines Gehirnes Nerven und entsprechend auf die Lebensnerven des Fleischherzens gewisse Merkmale eingraben, und ich Seele würde sie dann in meinem Fleischleibe wiederfinden und sie durch und durch erkennen. Aber da ich nun nahe außer allem Verbande mit meinem Leibe frei dastehe und auf die Sinne meines Leibes nicht rück- und einwirken kann, so werde ich nach dem Wiedereintritt in meinen Leib von all dem gar nichts wissen, was ich nun sehe, höre und fühle und rede, und was alles nun mit mir vorgeht. Es hat aber die Seele auch für sich gar wohl ein Erinnerungsvermögen und kann sich demzufolge an alles Kleinste und Unbedeutendste erinnern, was je mit ihr vor sich gegangen ist; aber nur in ihrem freien Zustande kann sie das. Ist sie aber im sie durch und durch verdunkelnden Leibe, so sieht, hört und fühlt sie, alles Geistige übertäubend, nur die groben und übermächtig rauschenden und rohen Eindrücke; ihr Selbstisches aber nimmt sie oft kaum derart wahr, dass sie sich ihrer selbst nur insoweit bewusst wird, dass sie da sei, geschweige dass sie von den in ihr rastenden höheren und tieferen geistigen Eindrücken etwas wahrnähme.
Du hast auch eine Seele, wie ich selbst nun eine völlig freie Seele bin; aber du wusstest auch wenig oder nichts von dir selbst. Der Grund davon liegt im finstersten Fleisch, mit dem eine Zeitlang eine jede Seele umhüllt ist. Erst nun, weil ich dir durch des noch lebendigen Leibmundes Stimme einige Eindrücke in deines Hinterhauptes Nerven machte und du als Seele nun durch solche Eindrücke die gleichen Urmerkmale in dir selbst liest, so weißt du nun auch als Seele und nicht als Fleisch, dass du eine Seele hast und auf Grund deines Denkens und Wollens selbst Seele bist, die in ihrem ätherisch-leiblichen Wesen die gleiche Gestalt hat wie dein Leib. Wundere dich aber übrigens gar nicht, so ich dir nun sage, dass ich nachher bei meinem Erwachen ins irdische Leben nichts mehr wissen werde von all dem, was ich dir nun gesagt habe; denn ich habe dir den Grund davon erklärt!“ „Jetzt sagt der Freund zu mir: ,Komm, Zorel, verlasse diese Stätte, ich werde dich in eine andere Gegend führen!‘ Ich gehe nun mit dem guten Freunde fort, weit fort und hinweg von dem See. Wir wandeln nun durch eine herrliche Allee, und die Bäume verneigen sich vor dem, dem ich folge. Der muss etwas Großes sein im Reiche aller Geister! Oh, einige der Bäume brechen sich fast ab vor lauter Verbeugung!
Du, Zinka, gehest wohl auch mit, schaust aber sehr neblig aus und scheinst nicht zu bemerken, wie sich die Bäume beugen vor meinem Freunde! Das ist doch etwas sonderbar für die Welt, aber dennoch ist es wahr! Merkwürdig, merkwürdig! Jetzt fangen die Bäume sogar zu reden an! Sie rufen in lautem und wohl vernehmbarem Geflüster: ,Heil dem Heiligen der Heiligen, Heil dem großen Könige der Könige von Ewigkeit zu Ewigkeit!‘ Findest du das nicht höchst merkwürdig?! Du tust aber ärgerlicherweise dennoch, als bemerktest du so etwas gar nicht, oder als wäre das eine so ganz gewöhnliche Erscheinung wie irgendein fauler Regen auf der Erde! Ja, ja, der Freund, vor dem sich die Bäume verneigen und sein Lob ausrufen, sagt's mir, dass das, was dir ähnlich uns folgt, nicht du selbst, sondern nur ein schattenartiges Ausbild deiner Seele sei und sich erst in unserer Atmosphäre erzeuge. Aus deiner Seele gingen gewisse Lebensstrahlen wie von einem Licht aus; sobald sie unsere Atmosphäre berührten, da gewännen sie auf eine nahe ähnliche Weise die Gestaltung, wie die am Tage von einem Menschen ausgehenden Strahlen, wenn sie auf die Oberfläche eines Spiegels fallen, auch sogleich die Gestaltung desjenigen Menschen annehmen, von dem ausgehend sie auf die Fläche eines Spiegels gelangen. Ich möchte dir nur auf die Füße sehen und werde mich überzeugen, dass du nicht mitgehst, sondern nur mitschwebst. Und richtig, du bewegst weder Füße noch Hände und folgst uns dennoch in einer Entfernung von sieben guten Schritten! Ja, nun begreife ich's, warum du die Bäume sich nicht verneigen siehst und nicht hörest ihr wunderbares Geflüster! Aber die Allee wird nun immer enger, und die Bäume werden niederer, stehen aber dafür enger aneinander; aber die Verneigungen und das Flüstern hört darum nicht auf. Der Weg wird aber auch stets beschwerlicher. Nun ist die Allee schon so enge und der Weg so dornig und gestrüppig, dass wir nur sehr mühsam durchkommen können! Noch ist kein Ende zu sehen, obschon der Freund sagt, dass der Weg nun bald sein Ende erreicht haben wird und wir am Ziel sein werden. Oh, jetzt werden die Gestrüppbäumlein gar dicht, und der Boden nahezu steinicht, und zwischen den Steinen ist alles voll von Dornen und Disteln; da ist es aber nun schon fast rein nicht mehr zum Weiterkommen! Ich frage den Freund, warum wir denn einen gar so heillos schlechten Weg eingeschlagen haben. Der Freund aber sagt: ,Sieh dich nur nach rechts und links um, und du wirst zu beiden Seiten ein Meer entdecken, das eine grundlose Tiefe hat! Das ist die einzige und alleinige, zwar am Ende sehr schmale und dornige, aber feste Landzunge, die zwischen den beiden endlos großen Meeren sich dahinzieht. Sie verbindet alle irdische Welt mit dem großen jenseitigen Paradiesland der Seligen. Wer dahin kommen will, muss sich diesen Weg, weil er der einzige ist, schon gefallen lassen!‘ Siehst du, Zinka, solche merkwürdige Antwort gab mir nun der Freund und Führer meiner Nichtigkeit!
Ich frage ihn aber nun wieder und sage: ,Auf der Welt gibt es auch recht viele schlechte Wege, aber da helfen sich die Menschen; sie nehmen Hauen, Krampen und Schaufeln und machen den Weg gut. Warum geschieht denn hier so was nicht?‘ Aber der Freund sagt: ,Weil eben dieses gewaltige Gestrüppe diese Landzunge vor den oft zu gewaltigen Meeresstürmen schützt! Wäre diese einzige, feste Zunge nicht so dicht und so fest mit diesem Gestrüpp verwahrt, so hätten die mächtigen Wogen des beiderseitigen Meeres sie schon lange ganz hinweg gespült durch ihre starke Brandung. Weil aber dies Dorngestrüppe so dicht verwachsen ist, besonders gegen die beiden Ufer hinaus, so brechen sich an ihm die starken Wogen und setzen zwischen sein dichtes Gezweig ihren Schaum ab, der sich nach und nach zu Stein verhärtet und so diese gar wichtige Landzunge nur stets mehr und mehr befestigt. Diese Landzunge aber führt den Namen Demut und feste Grundwahrheit. Beide, Demut und Wahrheit, aber sind für den Menschen ja noch allzeit voll Dornen gewesen!‘
Siehe, Zinka, also hat der Freund geredet, und in mir wird es nun sonderbar helle, und ich fange an wahrzunehmen, als finge in meinem Herzen etwas an, sich zu regen; und das, was sich regt, ist ein Licht, und das Licht hat eine Form im Herzen wie die eines Embryo im Mutterleibe. Es ist ganz rein, – ich sehe es. Es wird aber stets größer und mächtiger nun! Ah, was das doch für ein herrliches und völlig reinstes Licht ist! Das ist sicher die eigentliche Lebensflamme aus Gott im wahren Herzen des Menschen! Ja, ja, das ist es! Es wächst nun in einem fort, und ach, wie wohl tut mir das! Noch wandeln wir den schmalen Pfad; aber nun beirrt mich das Gestrüpp und das Dornwerk nicht mehr; auch empfinde ich nichts Schmerzliches mehr, so mich auch noch irgendein Dorn sticht und ritzt! – Nun wird das Gestrüpp dünner, die Bäume werden wieder größer, es gestaltet sich wieder eine herrliche Allee. Das Gestrüpp hört gänzlich auf, die Landzunge erweitert sich, und der Meere Ufer entfernen sich von uns stets mehr und mehr, und schon sehe ich, wohl noch in weiter Ferne, ein gar herrliches Land mit den schönsten Gebirgen, und über die Gebirge strahlt wie ein herrlichstes Morgenrot! Aus der nun stets größer und breiter werdenden Allee aber sind wir noch immer nicht herausgekommen, und die nun sehr großen und hohen Bäume haben noch nicht aufgehört, ihre majestätischen Kronen zu beugen vor meinem Freunde und Führer, und ihr Geflüster tönt nun wie die herrlichsten und reinst gestimmten Harfen! O Zinka! Da, wohl da, da ist es schon gar unbeschreibbar herrlich! Aber du schwebst uns auch noch nach und bist so stumm wie ehedem, kannst aber nicht darum; denn du bist es ja nicht, sondern nur dein flüchtig Abbild ist es. Ach, könntest auch du so etwas schauen, aber dann auch davon ganz lebendig die guten Merkmale behalten hinüber ins irdische Leben, – was für ein denkwürdiger Mensch wärest du dann! Ich könnte es auch sein, wenn mir von all dem etwas in der Erinnerung bliebe; aber mir wird gar nichts bleiben! Doch der Freund sagt, mit der Zeit solle mir die lebendige Erinnerung an alles das wiedergegeben werden; aber ich werde zuvor auch im Fleisch diesen dornigen Weg, der sich finden wird, durchmachen müssen.“
„Ah, mein inneres Lebenslicht wird nun aber schon ungeheuer stark; es durchdringt nun schon alle meine Eingeweide! Oh, wie wohl doch tut dieses Licht meinem ganzen Wesen! Aber ich sehe es nun in der Gestalt eines vierjährigen Kindes von ungemein freundlichem Aussehen! Und sehr weise muss es sein; denn es sieht aus wie ein reinst gedachter kleiner Gott, aber nicht wie ein Phantasiegott der Ägypter, Griechen und Römer, sondern wie ein wundersames Abbild des wahren Gottes der Juden! Es ist ein Abbild der wahren Gottheit! Oh, jetzt erkenne ich es wohl, dass es nur einen wahren Gott gibt; aber nur diejenigen werden Sein heiliges Angesicht schauen, die eines vollkommen reinen Herzens sind! Ich werde wohl schwer zu dessen Anschauung gelangen; denn mein Herz war schon ganz verzweifelt unrein! Du wohl, Freund Zinka; denn an deinem Herzen entdecke ich beinahe gar nichts Unreines, außer den Fleck und den Faden, mittels welchem du notwendig mit der Welt noch eine Zeitlang zusammenhängend bleiben musst!
Aber nun erst erschaue ich in wohl noch ziemlicher Ferne das breite Ende der Allee. Nun ist von keinem Meere irgendwo mehr eine Spur, überall üppigstes und wunderschönstes Land, Gärten an Gärten; überall stehen die schönsten Häuser und Paläste! Ach, ist das doch eine unbeschreibliche Herrlichkeit! Mein Freund sagt, dies sei noch lange kein Himmel, sondern das sei das Paradies. In den Himmel wäre bis jetzt noch kein Sterblicher gekommen; denn dahin sei bis jetzt noch keine Brücke erbaut worden. Alle die Guten, die vom Anfange der Schöpfung an auf der Erde gelebt haben, weilen hier mit Adam, Noah, Abraham, Isaak und Jakob. Jene hohen Berge begrenzen dieses gar wundersam herrliche Land. Wer auf jene Berge käme, der würde wohl den Himmel erschauen mit den großen Scharen der Engel Gottes, aber hinein könnte niemand kommen so lange, als über die große Kluft, die keinen Boden habe, nicht eine feste Brücke für ewig dauernd erbaut sein wird.
Wir gehen nun so schnell wie ein Wind. Mein Lichtmensch in mir hat bereits die Größe eines achtjährigen Knaben, und es kommt mir vor, dass seine Gedanken wie Blitze mein ganzes Wesen durchzucken. Ich fühle wohl ihre unbegreifliche Erhabenheit und Tiefe, aber ihre Formen erfasse ich noch nicht. Es muss etwas Wundersamstes darin sein! Jeder ausfahrende Gedankenblitz aber verursacht mir ein unbeschreibbares Wonnegefühl! So eine Wonne kennt die ganze Erde nicht, – kann sie auch nicht fühlen! Denn die ganze Erde ist ja nur ein Gnadengericht Gottes, – aber immerhin ein Gericht; im besten Gericht aber sind die Wonnen stets spärlich ausgeteilt.
Nun kommen wir den hohen Bergen schon sehr nahe, und immer herrlicher wird es! Welch eine unbeschreibliche Mannigfaltigkeit von Wundern über Wundern! Sie alle zu beschreiben würden tausend Menschenalter nicht auslangen! Und da siehe erst, an den Bergen wohnen eine Unzahl von den schönsten Menschen! Aber uns beide, das heißt mich und meinen lieben Freund, scheinen sie nicht zu bemerken; denn sie gehen eilenden und stets muntern Schrittes an uns vorüber, tun aber nicht dergleichen, als sähen sie uns, während doch meinen Freund sichtlich alle Bäume begrüßen! Ein sonderbares Geistervolk das! Aha, aha, bei dieser Gelegenheit haben wir auch den Gipfel eines hohen Berges erstiegen! O Gott, o Gott, da stehen wir nun, und besonders ich, wie ein wahrer Ochse am Berge! Ich erschaue stets klarer in die weiteste Ferne hin einen großen, übersonnenhellen Horizont. Da soll der Himmel Gottes Anfang sein, der aber dann immer fortginge, höher und höher ewig fort! Aber zwischen hier und dort gähnt eine Kluft, größer denn der Raum zwischen der Erde und der Sonne! Darüber werde nun eine Brücke erbaut werden! Bei Gott mag das wohl alles ganz gut möglich sein! Aber nun ist mein innerer Lichtmensch schon so groß wie ich selbst, und sonderbar, ich werde nun schläfrig, und der Freund heißt mich auf dem grünen und duftigen Rasen ausruhen! Ich werde es auch tun!“
Sage Ich: „Sehet, nun erst wird er ins dritte Stadium übergehen; da merket wohl auf seine Rede!“
Fragt Cyrenius: „Herr, wenn Zorel nun auf dem für uns unsichtbaren Rasen einschläft, was wird dann dadurch bezweckt? Muss das sein, oder könnte er nicht ohne ein gewisses Einschlafen ins dritte Stadium übergehen?“
Sage Ich: „Wenn seine Seele pur wäre, so ginge es auch ohne einen gewissen Schlaf; aber solange seine Seele noch durch gewisse Bande mit dem Leibe in Verbindung steht, muss vor dem Wechsel des Stadiums eine gewisse Betäubung eintreten, in der die Seele unvermerkt in ein anderes Stadium übergeht. Was des Zorel Seele nun im zweiten Stadium geschaut und gesprochen hat, war bis auf sich selbst nur eine zuständliche Erscheinlichkeit; im dritten Stadium erst kommt sie ins wahre Hellsehen, und was sie da reden wird, das wird auch volle Realität haben.“
Fragt Cyrenius: „Was ist aber dann so ganz eigentlich der Schlaf? Wie und wodurch entsteht dieser?“
Sage Ich: „Musst du denn auch das wissen? Nun wohl denn, so du es schon durchaus wissen willst, da muss Ich es dir gleichwohl kundtun, und so höre denn! Wenn du einen Rock am Leibe hast und nach griechischer Art eine Hose an den Beinen, so leben durch deines Leibes Bewegung Rock und Hose, das heißt, sie müssen deinem Willen sich also fügen, als wie sich deines Leibes Glieder fügen dem Willen deiner Seele. So du aber im Sommer in ein Bad gehst, da ziehst du die Kleider aus, weil du sie im Bad nicht brauchen kannst. Rock und Hose befinden sich nun, während du im Bad bist, in einer notwendigen Ruhe und haben für sich weder eine Regung noch eine Bewegung. Entsteigst du wieder dem Bad, so werden dein Rock und deine Hose gleich wieder die frühere Regung und Bewegung bekommen und gewisserart mit dir leben. Warum zogst du aber des Badens wegen deine Kleidung aus? Sieh, weil sie dir beschwerlich war und dich zu drücken begann! Im Bad aber hast du dich gestärkt, und deine dir beschwerlich gewordene Kleidung wird dir nach dem Bad völlig federleicht vorkommen. Wenn deine Seele durch des Tages Beschwerden müde und schwach geworden ist, so erwacht in ihr das Bedürfnis nach einer erquicklichen und stärkenden Ruhe. Da zieht dann die müde Seele alsbald ihr gegliedertes Fleischgewand aus und begibt sich in ein stärkendes Bad des geistigen Wassers und badet, reinigt und stärket sich darin; ist sie wieder stark geworden, dann begibt sie sich wieder in ihren Fleischrock und bewegt dessen schwerfällige Glieder wieder mit einer großen Leichtigkeit. Nun hast du aber durch die Erzählung des Zorel sicher gesehen oder vielmehr so recht lebendig wahrgenommen, dass in seiner Seele noch ein innerster Lichtmensch aus dem Herzen der Seele aufzukeimen angefangen hat, zu dem sich das Wesen der Seele nahe also verhält, wie zur Seele ihr materieller Leib. Nun, dieser Lichtmensch hatte zuvor in dieser seiner Seele, als seinem gegliederten Gewand, noch nie eine wie immer geartete Stärkung erhalten; er lag so im Herzen der Seele wie das Ei im Weib ohne eine männliche Belebung, Erregung und Erweckung. Durch diese eigenste Behandlung ist der eigentliche Urlebenskeim durch Mein und durch des Zinka Wort für den Moment belebt, erregt und erweckt worden, und da das mit ihm vorgenommen ward, so fing er an zu wachsen so lange, bis er seine ganze Seele, das ist sein Kleid, erfüllt hatte mit seinem rein geistigen Wesen. Die Seele aber, obschon so viel als für den Moment möglich gereinigt, hat doch noch so gewisse materielle Teile in sich, die für den reinen Geist zu beschwerlich sind, da er früher nie ein solches Joch zu tragen eingeübt ward. Dieser gewisserart nur auf eine künstlich geistige Weise erweckte und zum Schnellwachstume genötigte Geistmensch ist zur Tragung der schwerfälligen Seele noch viel zu schwach und sehnt sich nach Ruhe und Stärkung. Dieser Scheinschlaf der Seele auf dem Gebirgsrasen ist sonach auch nichts anderes als eine Entkleidung des Geistes von den materiellsten Teilen seiner Seele; nur das ihm Ähnliche in der Seele behält er, das andere muss derweil also ruhen, wie der Leib ganz stumm ruht, wenn die Seele sich stärkt, oder wie dein Rock ruht, wenn du deinem Leibe in einem Bad eine erquickliche Stärkung gönnest. Aber es besteht bei solcher zur Stärkung der edleren Menschensphäre erfolgten Zur-Ruhe-Legung der gröberen und unedleren Außenteile dennoch immerdar eine Verbindung. So jemand käme, wenn du im Bad dich erquickst, und nähme dein ausgezogenes Kleid und begänne es zu zerstören, da würde deine natürliche und notwendige Liebe zu deinem Kleide sogleich ein ganz gewaltiges und grimmiges Veto einlegen. Eine noch intensivere Verbindung besteht zwischen dem Leib und der Seele; wer vor der Zeit den Fleischrock nehmen und zerstören wollte, den würde sie dann ganz kurios behandeln. Aber die Verbindung zwischen Seele und Geist ist eine allerintensivste, weil die Seele, besonders eine ganz reine, selbst ein ganz geistiges Urelement ist, und der Geist würde eine ganz entsetzliche Bewegung machen, so man ihm seinen Leib und sein Kleid ganz entreißen wollte. Er würde dann gleich ins höchste Feuer geraten und alles zerstören, was sich ihm nahen würde. Aber das Materielle muss die Seele zuvor doch ganz ablegen, bis der Geist das ihm Verwandte in ihr als sein Selbstisches anziehen kann und werden mit demselben ein vollkommenes Ich. Das Materielle der Seele ist für den Geist ersichtlich in dem, womit die Seele bekleidet ist. Du hast gehört, wie Zorel von einem schmutzigen Hemd redete, das er selbst reinigte im See, dann ausbalgte und als ein noch feuchtes Vestiment anzog. Siehe, dies Vestiment ist eben die noch materielle Außenseite der Seele, die zuvor ab- und zur Ruhe gelegt werden muss, bevor der innerste, göttliche Geistmensch völlig in seine ihm nun sehr verwandte Seele übergehen und mit ihr eins werden kann. Das braucht stets eine kleine Zeit für den Moment des Überganges, weil alles, was in den eigentlichen Bereich des freien Lebens gehört, erst mit dem neuen und edleren Wesen in eine volle Verbindung treten muss, bevor das neue Wesen oder der neue, himmlische Mensch als in allem selbst fühlend, denkend, sehend, hörend, riechend, schmeckend und aus sich heraus selbsttätig auftreten kann. In dem gewissen Schlaf geschieht solche notwendige geistige Übersiedlung; ist die Übersiedlung geschehen, so ist der neue Mensch fertig und braucht zu seinem nur ganz rein geistigen Bestehen fürder ewig keine weitere Umwandlung mehr. In solchem Zustande ist aber ein Mensch dann auch ganz vollendet und kann in der Wesenheit nicht noch mehr vollendet werden; nur im Erkennen und im steten Vollkommenerwerden in der reinsten Liebe und Weisheit der Himmel und ihrer die ganze Unendlichkeit ordnenden, regierenden und führenden Macht ist ein stetes Zunehmen in Ewigkeit und dadurch auch die Erreichung einer stets höheren Seligkeit als Folge der stets höheren Liebe, Weisheit und Macht zu gewärtigen. Als ein so vollendeter Geistmensch wird nun unser Zorel sogleich auftreten und wird – immer noch durch seinen Fleischmund – Kunde geben von der Vollendung seiner wesenhaft höchst vollendeten Menschheit. – Gebt nun acht; er wird sogleich wieder zu reden anfangen!“
Als Ich solches dem Cyrenius erklärt hatte, fing Zorel, der die Zeit hindurch ohne alle Regung wie tot dalag, an, sich zu rühren, und bekam das Aussehen eines Verklärten derart, dass sein Anblick sogar den anwesenden römischen Soldaten eine große Ehrfurcht einflößte und einer sagte: „Dieser Mensch sieht aus wie ein schlafender Gott!“
Cyrenius sagte auch: „Wahrlich, ein unbeschreiblich erhabenes Menschenbild!“
Endlich machte Zorel den Mund auf und sagte: „Also stehet der vollendet in seiner Wesenheit vor Gott, der Ihn nun erst erkennt, liebt und anbetet!“ – Hier folgte eine Pause.
Nach dieser spricht Zorel weiter und sagt: „Mein ganzes Wesen ist nun Licht, und ich sehe keinen Schatten, weder in mir noch außer mir; denn auch um mich ist alles Licht. Im Allichte aber sehe ich noch ein allerheiligstes Licht; es leuchtet wie eine gar mächtige Sonne, und in dieser ist der Herr! Zuvor dachte ich von meinem Freunde und Führer, dass er nur eine Menschenseele gleichwie unsereins wäre; allein in meinem Vorzustande war noch viel Täuschung in mir. Nun erkenne ich erst den Führer! Er ist nun nicht mehr bei mir, sondern in jener Sonne sehe ich Ihn, der da heilig ist über heilig! Endlose Scharen der vollendetsten Lichtgeister umschweben diese Sonne nach allen Richtungen in engeren, weiteren und weitesten Kreisen. Welch eine unendliche Majestät ist das doch! O Menschen! Gott zu schauen und Ihn über alles zu lieben ist die höchste Wonne, ist der Seligkeiten höchste!
Aber ich sehe nun nicht nur die Himmel alle, sondern mein Blick dringt nun auch in die Tiefen der Schöpfungen des allmächtigen, einen, großen Gottes. Ich sehe diese unsere magere Erde durch und durch und sehe alle Inseln und Festlande auf der ganzen Erde. Ich sehe der Meere Grund und was unter demselben alles ist und besteht, alle die vielen Geschöpfe im Meere von der kleinsten bis zur größten Art. Welch eine unendliche Mannigfaltigkeit doch unter denselben haust!
Ich sehe auch, wie das Gras gebaut wird von allerlei Geisterchen, die sehr munter und emsig sind. Ich sehe, wie der Wille des Allmächtigen sie nötigt, emsig zu sein, und sehe eines jeden der zahllos vielen Geisterchen genaust abgemessene Bestimmung und Arbeit. Wie da arbeiten die Bienen an ihren Wachszellen, so arbeiten die Geisterchen an und in den Bäumen und Gesträuchern, Gräsern und Pflanzen. Aber sie tun das alles, wenn sie ergriffen und durchdrungen werden von dem Willen Dessen, der mein Freund und Führer war auf dem schmalen und dornigen Pfade meiner Selbstprobe des Lebens bis hierher und nun in jener nie erreichbaren Sonne als in Seinem urheiligsten Lichte wohnt und ausfahren lässt Seinen Willen in alle Unendlichkeiten.
Ja, Dieser allein ist der Herr, Ihm ist niemand gleich! Seinem Willen muss sich fügen groß und klein. Nichts in der ganzen Unendlichkeit gibt es, das Ihm einen Widerstand bieten könnte. Seine Macht geht über alles, und Seine Weisheit ist nie erforschbar. Alles, was da ist, ist aus Ihm, und es gibt nichts in den endlosesten Räumen Seiner Schöpfungen, das da nicht aus Ihm hervorgegangen wäre. Ich sehe aus Ihm die Kräfte fahren, wie man siehet am Morgen der aufgehenden Sonne Strahlen nach allen Richtungen mit mehr denn Blitzesschnelle ausfahren, und wo ein Strahl etwas erreicht und ergreift, da fängt es an, sich zu regen, zu leben und zu bewegen, und bald tauchen neue Formen und neue Gestalten auf. Aber des Menschen Form ist aller Formen Grenz- und Schlussstein, und seine Gestalt ist eine rechte Gestalt des Himmels; denn der ganze Himmel, dessen Grenzen nur Gott allein kennt, ist auch ein Mensch, und jeder Verein der Engel ist ebenfalls ein ganz vollendeter Mensch. Das ist ein großes Geheimnis Gottes, und wer nicht auf dem Punkte steht, auf dem ich nun stehe, der kann solches unmöglich fassen und begreifen; denn nur der reinste Geist aus Gott im Menschen kann fassen und begreifen und schauen, was des Geistes ist, und was da ist in ihm und außer ihm, und wie es besteht und entsteht, und warum und wofür! Nichts gibt es in der Unendlichkeit, dass es nicht da wäre für den Menschen; alles ist auf den Menschen und sein jedzeitliches und zuständliches Bedürfnis abgezielt.
(Zorel:) „Gott Selbst ist der höchste und allervollkommenste, ewigste Urmensch aus Sich Selbst; das heißt, dieser Mensch ist in sich selbst ein Feuer, dessen Gefühl die Liebe ist; ein Licht, dessen Gefühl Verstand und Weisheit sind; und eine Wärme, deren Gefühl das Leben selbst ist in der vollsten Sphäre des Seiner- selbst-Bewusstseins. Wenn das Feuer heftiger wird, so wird auch heftiger das Licht und mächtiger die alles schaffende Wärme und strahlt am Ende weithin, und der Strahl ist selbst Licht, hat in sich schon die Wärme, und diese schafft in der Ferne wie in sich. Das Geschaffene nimmt stets mehr des Lichtes und der Wärme auf, leuchtet und erwärmt dann stets weiter und weiter hin und schafft abermals, dahin es gelangt. Und so pflanzt sich alles ewig fort aus dem Urfeuer, Urlichte und aus der Urwärme und erfüllt stets fort und fort und mehr und mehr den unendlichen Schöpfungsraum.
Alles nimmt sonach aus dem einen Ursein Gottes seinen Ursprung und bildet sich aus, bis es ähnlich wird dem Urwesen des Urmenschen, in welcher Ähnlichkeit es dann auch in einer vollends selbständigen Freiheit in der Form des Menschen bestehet aus Gott, wie ein Gott für sich in der notwendigen Erzfreundlichkeit mit dem Urgotte, weil es dasselbe ist, was der Urgott Selbst ist.
Wo ihr sehet Licht, Feuer und Wärme, da ist auch der Mensch entweder fertig oder im Beginne. Milliarden von Licht-, Feuer- und Wärmeatomen puppen sich ein und erzeugen Formen. Die einzelnen Formen ergreifen sich wieder von neuem, puppen sich in eine größere und dem Menschen schon entsprechendere Form ein und bilden sich in derselben zu einem Wesen. Dieses Wesen erzeugt nun schon mehr des Feuers, des Lichtes und der Wärme; mit dem stellt sich aber ein höheres Bedürfnis nach einer höheren und vollkommeneren Form ein. Gleich zerreißen die vielen, wenn auch in sich schon vollkommeneren Formen ihre Umhäutungen, ergreifen sich und puppen sich mit der Substanz ihres Willens wieder in eine höhere und vollendetere Form ein. Das geht so fort bis zur Vollendung des Menschen hin, und der Mensch puppt sich dann selbst aus bis zu dem Zustand, in welchem ich mich nun befinde, und ist also dem Urfeuer, Urlichte und der Urwärme völlig ähnlich, welches alles da ist Gott, den ich nun schaue mit unverwandtem Blicke in Seinem Urlichte, in Sich das volle Feuer und die volle Wärme, was allein da ist Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Der Mensch ist darum zuerst ein Mensch aus Gott und dann erst ein Mensch aus sich. Solange er allein aus Gott ist, gleicht er einem Embryo im Mutterleibe; erst wenn er auch aus sich selbst ein Mensch wird in der Ordnung Gottes, dann ist er ein vollkommener Mensch, weil er dadurch erst zur wahren Gottähnlichkeit gelangen kann. Ist er zu dieser gelangt, dann bleibt er wie ein Gott in Ewigkeit und ist ein Selbstschöpfer der weiteren Welten und Wesen und Menschen geworden. Denn es ist sonderbar, daß ich nun alle meine Gedanken, Gefühle und Wünsche schaue, und mein Wille ist gleich der Umhäutung dessen, was ich mir gedacht und was ich gefühlt habe! Seht, so geht das Erschaffen stets von neuem vor sich!
Das Gefühl als Wärme, und sohin Liebe, hat das Bedürfnis nach Wesenhaftem; je mehr aber das Gefühl mächtig wird, je mehr Flammen und Wärme sich da in sich erzeugt, desto mächtiger wird auch der Flammen Licht.
Im Lichte drückt sich das Bedürfnis der Liebe in Formen aus. Aber die Formen entstehen und vergehen gleich wie bei einem Menschen von einer erhitzten Phantasie bei geschlossenen Augen die Augenliderbilder, wie man sie also benamset; es kommen aber dafür stets wieder andere, sie werden größer und nehmen nach und nach weilendere und bestimmtere Formen an. Aber bei den vollendeten Menschen, wie bei mir nun freilich nur für eine kurze Dauer, wird der Gedanke in seiner Form erhalten, weil er, vom Willen erfaßt, sogleich durch eine schnelle Umhäutung in der aufgetretenen Form erhalten wird und dieselbe nicht mehr ändern kann; da die Umhäutung aber ursprünglich nur höchst ätherisch zart und somit und sonach durchscheinend ist, so dringt vom Schöpfer des nun eingefangenen Gedankens stets mehr Licht und Wärme hinein. Dies vermehrt des eingefangenen Gedankens eigenes Licht und eigene Wärme, aus welch beiden geistigen Elementen er ursprünglich entstand, und der also eingefangene Gedanke fängt bald an, sich mehr und mehr zu entwickeln, und wird nach dem Lichte der Weisheit und der vollendetsten Erkenntnis, der die noch so künstliche Konstruktion klarer als der hellste Tag ist in allen ihren notwendigen Teilen, Verbindungen und Gliederungen, notwendig und zwecklich organisch eingerichtet. Hat der Gedanke einmal die Organeinrichtung, so fängt dann schon an, sich in ihm ein eigenes Leben seiner selbst bewusst zu werden und sich zu richten.
Nun lässt sich wohl denken, dass ein vollendeter Mensch schon eine endlose Fülle von allerlei Gedanken und Ideen in einigen Augenblicken, ganz organisch eingerichtet, wird denken und zusammenfassen können. Will er sie mit seinem Willen einhäuten, so werden sie fortbestehen und sich ausbilden, am Ende dem Schöpfer selbst ähnlich werden in ihrer natürlich höchsten endlichen Selbstvollendung und werden ihresgleichen fortzeugen und erschaffen und so aus sich eine endlose Vermehrung ihresgleichen auf dieselbe Art bewerkstelligen, auf welche Art sie selbst ins Dasein getreten sind. Davon weist schon die materielle Welt handgreifliche Beispiele auf.
Die Selbstfortzeugung findet ihr bei Pflanzen, Tieren, Menschen dem Leibe nach und bei den Weltkörpern, die sich auch vermehren. Ihrer Vermehrung sind jedoch Grenzen gesetzt. So ist einem Samenkorne von einer bestimmten Art und Gattung auch nur eine bestimmte Anzahl nachgezeugter gleicher Samenkörner zugeteilt, welche Anzahl es nicht übertreten kann; ebenso den Tieren – und zwar: je größer das Tier, desto beschränkter in der Nachzeugung! Ebenso ist es beim Menschen, und noch um vieles mehr bei den Weltkörpern. Aber im Geisterreiche der vollendeten Menschen geht, wie bei Gott, das Fühlen und Denken ewig fort. Da aber auf die vorbeschriebene Weise ein jeder Gedanke und eine jede Idee von dem sie schaffenden Geiste durch seinen Willen eingehäutet und endlich gar selbständig werden kann, so ist es zu begreifen, dass die ewige Vermehrung der Wesen nie ein Ende haben kann.
Du, Zinka, fragst nun in deinem Gemüte, wo am Ende alle die so endlos vielfach entstandenen Wesen Raum haben werden, wenn das Erschaffen ewig im stets ungeheuer vervielfachten Maße und Verhältnisse zunehmen soll. O Freund, bedenke nur, dass der physische Raum selbst unendlich ist, und so du ewig fort in jedem Augenblicke zehnmal hunderttausend Sonnen erschaffen möchtest, so würden diese bei schnellster Fortbewegung im unendlichen Raume sich dennoch ewig fort also verlieren, als wäre keine Sonne je erschaffen worden! Niemand außer Gott fasset des ewigen Raumes Unendlichkeit; selbst die größten und vollkommensten Engel fassen des Raumes ewige Tiefen nicht, wohl aber erschauern sie vor den zu endlosen Tiefen des ewigen Raumes!
O Freund, ich sehe nun mit meines Gemütes Augen die Ganzheit der materiellen Schöpfung! Diese Erde, ihr Mond, die große Sonne und alle die zahllosen Sterne, die du erschaust, und deren es welche gibt, die, deinem Auge wie ein schwach schimmernder Punkt vorkommend, selbst ein unmessbar großes Sonnen- und Weltengebiet sind, das in sich milliardenmal Milliarden Sonnen und noch mehr Planeten fasst, sind nicht das gegen die gegenwärtige Allheit der Schöpfung, was ein kleinstes und feinstes Sonnenstäubchen gegen diesen ganzen dir sichtbaren Sternenraum ist! Und doch kann ich dir sagen, dass es unter den vielen Sternen, die dein Auge erschaut, etliche gibt, deren Durchmesser noch um viele tausend Male größer ist, als wie lang die Linie selbst von dem dir kaum sichtbaren, entferntesten Sterne bis zum von diesem gleich weit abstehenden Gegensatze ist, – eine Entfernung, zu deren Durchwanderung du sogar mit des Blitzes Schnelle mehr denn eine Milliarde mal Milliarden von Erdjahreslängen zu tun hättest! Also einzelne Körper sind schon von solch einer rätselhaften Größe, und doch erscheinen sie deinem Auge als kaum leuchtende Punkte wegen ihrer zu großen Ferne von hier! Und doch ist das alles gegen die Allheit des gesamten Schöpfungsalls, wie gesagt, ein kleinstes Stäubchen, das die Sonnenstrahlen ganz leicht tragen können! Ich sage es dir: Du kannst eine Milliarde Sonnen mit all ihren Planeten und Monden und Kometen erschaffen und sie alle verteilen in dieser Sonnengebietsglobe, und sie werden dir diesen nur einen Globenraum noch ebenso wenig merkbar beengen, wie ein Tropfen Wassers das Meer vergrößert und dessen weites Bett beengt; und milliardenmal Milliarden Globen würden im ganzen nun bestehenden Schöpfungsallgebiete ebenso wenig bemerklich sein wie die Milliarden Regentropfen im Meere.
Sieh an die ganze Erde! Wie viele tausend Bäche, Flüsse und Ströme in das Meer auch fallen, so wird dasselbe darum dennoch nicht um eine Linie vergrößert; nun denke dir noch so viele Schöpfungen über Schöpfungen in jedem Augenblick, und sie werden sich im unendlichen Raume stets ebenso verlieren wie die Myriaden mal Myriaden Wassertropfen, die, in jedem Augenblick ins Meer fallend, sich in ihm verlieren. Es sei dir darum wegen des zu vielen Erschaffens ja nicht kleinmütig bange; denn im Unendlichen gibt es ewig Raum und Platz genug fürs Unendliche, und Gott ist mächtig genug, alles für ewig zu erhalten und einer endlichen Hauptbestimmung zuzuführen!
(Zorel:) „Ich sage dir nun noch mehr, Zinka! Soviel du je von deiner Jugend an auf dieser Erde gedacht, gesprochen und getan hast, und was du auch in deiner vordieserdlichen Seelenexistenz gedacht, geredet und getan hast, das alles ist aufgezeichnet im Buche des Lebens; davon trägst du ein Exemplar im Haupte deiner Seele, das ganz große Exemplar aber ruhet stets offen und weit aufgeschlagen vor Gott. Wenn du vollendet sein wirst, so wie ich nun vollendet vor Gott stehe, so wirst du alle deine Gedanken, Reden und Taten getreust wiederfinden. An dem, was gut war, wirst du natürlich eine große Freude haben; was aber nicht war in der guten Ordnung, daran wirst du zwar keine Freude haben, aber als ein vollendeter Mensch auch keine Trauer. Denn du wirst daraus die großen Erbarmungen und weisen Führungen Gottes erkennen, und das wird dich stärken in der reinen Liebe zu Gott und in aller Geduld gegenüber allen jenen armen, noch unvollendeten Brüder, die Gott der Herr deiner Führung anvertrauen wird, sei es in dieser oder auch in einer andern Welt.
Aus solchen deinen aufgezeichneten Gedanken werden einst auch noch neue Schöpfungen hervorgehen. Gewöhnlich werden aus solchen aufgezeichneten Gedanken, Reden und Taten zuerst größere oder kleinere Weltkörper in der Neuzeit. Sie werden ins Feuer der Sonnen gegeben, um dort bis zu einer gewissen Reife zu gelangen; haben sie solche erreicht, so werden sie dann mit aller Gewalt in den Schöpfungsraum hinausgeführt und dort nach und nach und stets mehr und mehr ihrer selbsttätigen Ausbildung anheimgestellt. Nach und nach bilden sich in einer solchen neugeborenen Welt die vielen tausendmal tausend Einzelgedanken und Ideen – wie die ins Erdreich gelegten Samenkörner – durch das in ihnen lebenskeimige Feuer und Licht stets mehr und mehr aus und dienen dann der neuen Welt als Grundlage zur nachherigen Entstehung von allerlei Wesen, als Mineralien, Pflanzen und Tieren, aus deren Seelen mit der Zeit Menschenseelen gebildet werden. Derartige Neuwelten siehst du dann und wann als zum größten Teile dunstige Nebelsterne, auch als Schweifsterne durch den Himmelsraum ziehen. Ihr Urursprung sind die im Gottesbuche aufgezeichneten Gedanken, Ideen, Reden und Handlungen. Du siehst daraus, dass da auch der leiseste Gedanke, den ein Mensch je gedacht hat, entweder auf dieser oder auf einer andern Erde, unmöglich ewig je verlorengeht und – gehen kann; und die Geister, aus deren Gedanken, Worten und Ideen und Taten solch eine Neuwelt durch Gottes Willen gebildet wird, erkennen in ihrem vollendeten Zustande gar bald, dass solch eine Welt ein Werk ihrer Gedanken, Ideen, Reden und Taten ist, und übernehmen dann ganz gerne und mit einem großen Seligkeitsgefühle die Führung, Leitung, Ausbildung und volle Belebung und zweckliche innere Organisierung des Weltkörpers selbst und endlich aller Dinge und Wesen, die auf solch einem Weltkörper zu bestehen haben werden.
Du schauest dir nun diese Erde an und siehst nichts denn eine totscheinende Materie. Ich sehe nun zwar die totscheinenden Formen der Materie auch; aber ich sehe noch viel mehr darin, was du mit deinen Augen nimmer sehen kannst. Ich sehe darin die gebannten geistigen Dinge und Wesen und fühle ihr Bestreben, und sehe, wie sie stets zunehmen an der inneren Ausbildung und besseren und bestimmteren Gestaltung und Entfaltung ihrer zweckdienlichen Formen, und ich sehe abermals zahllose Geister und Geisterchen, die da unablässig tätig sind, so wie der Sand in einem römischen Stundenmesser. Da ist von keiner Ruhe eine Rede, und aus ihrer unablässigen Tätigkeit bildet sich das gesamte zweckdienliche Werden alles und jedes Naturlebens. Ich sage es dir: In jedem Tautropfen, der noch so helle an einer Grasesspitze zittert, sehe ich wie in einem Meere schon Myriaden Wesen sich nach allen Richtungen herumtummeln! Des Tropfens Wasser ist nur eine erste und allgemeine Umhäutung eines Gottesgedankens. Aus dieser nehmen dann die darin gefangenen Geistlein ihre sonderheitliche Umhüllung und bestehen darauf schon gleich in irgendeiner bestimmteren Form, die von der äußern allgemeinen schon sehr verschieden ist; dadurch aber verschwindet dann der Tropfen als Wasserperle, und die im selben sich neu gebildeten Formen als schon Leben tragende Püpplein bekriechen dann die Pflanzen oder andere Dinge, an denen der Wassertropfen sich gebildet hatte. Da gehen aber diese Püpplein, sich ergreifend, alsbald in eine andere Form über, und aus hunderttausenden wird eins. Eine neue Haut wird um die neue Form gebildet; in ihr werden die vielen kleinen Formen durch den Einfluß des Lichtes und der Wärme zum zweckdienlichen Organismus der neuen und größeren Form umgewandelt, und das also entstandene neue Wesen beginnt eine neue Tätigkeit als Vorbereitung zum abermaligen Übergange in eine stets mehr und mehr ausgebildete Form, in der es wieder für den Übergang in eine noch höhere und vollendetere Form tätig zu werden beginnt. Und so ist die sichtliche Tätigkeit eines jeden schon in irgendeine bestimmte Form eingegangenen Wesens nichts als eine rechte Vorbereitung für eine höhere und vollkommenere Form zur stets größeren Festigung des seelischen und endlich in der Menschenform des rein geistigen Lebens.
Was ich dir hier sage, ist keine Phantasie, sondern die reinste und ewige Wahrheit. Ich könnte dir nun noch gar vieles von der Ordnung aus Gott kundtun also, wie ich's nun schaue und allerklarst erkenne! Aber ich erkenne nun auch, dass die Zeit dieser meiner Vollendung zu Ende geht; darum muss ich dir hiermit nur noch die Bitte anfügen, dass du mit mir, wenn ich wieder ein sehr dummer und mitunter ärgerlicher Mensch sein werde, Geduld habest und mich in der rechten, dir nun bekannten Ordnung Gottes leitest und führest auf den rechten Weg. Du wirst bei meinem Erwachen in die Welt dich hoch erstaunen, dass ich wieder ganz dumm und finster sein und von allem dem, was nun mit mir vorgegangen ist, keine Silbe wissen werde; aber es wird mir das alles dennoch wohl zustatten kommen. Eine Zeitlang wird mein nun gezwungen reif gewordener Geist, dieses ungewohnten und ungeübten Zustandes müde, sich wohl ganz schlafstumm verhalten; aber er wird durch die für jetzt noch nötige Ruhe bald gestärkt und wach werden und fühlen die Dringlichkeit der wirklichen Lebensvollendung, deren seligste Süße er nun zum Verkosten bekam, und wird sonach zur schnelleren Vollausbildung der Seele sehr viel beitragen, auf dass sie ehest reif werde in ihm in aller Wahrheit und rechten Fähigkeit, um vollends überzugehen in den sie durchdringenden Geist. Ich werde nun abermals schlafen noch eine halbe Stunde lang, nach welcher Zeit du mich durch die Gegenlage deiner Hände erwecken musst. Wenn ich aber wieder wach werde, da lasse mich nicht von der Stelle, bis ich nicht den Menschen der Menschen an diesem Tische werde vollends erkannt haben! Denn Dieser ist eins mit Dem, den ich nun noch sehe in der Sonne der ewig großen Geisterwelt. Nun habe Dank darum, dass du mir aufgelegt hast deine Hände!" (GEJ.04_047,08-057,10)



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