XX. Psalm - Der Prophet Jakob Lorber

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XX. Psalm
- Zu singen dem Herrn am Schluss des Jahres -


Vollendet hat wieder die Erde gar eiligen Flugs den Lauf um die leuchtende Mutter der Tage.
Die Reise ist weit, und gar groß ist der mächtige Kreis, den die Erde, die kreisende Mutter so vieler Gestalten und Wesen, in dreihundert sechzig fünf Tagen durchwandert.
Wohl hätte der Mensch viele Tausend von Jahren zu steigen auch eiligsten Schritts, bis er vollenden gar möchte einmal die alljährliche Reise der Erde, doch wie da auch immer die Dauer der Zeit solcher Reise beschaffen sein mag, und wie weit auch die kreisige Bahn sich dehne, so ist doch die Folge gewiss und gar sicher, dass nämlich auf jeglicher Bahn ist gesetzt ein endliches Ziel.
So hat es gemacht aus gar weisesten Gründen der Herr, der allmächtige Schöpfer der Engel und Menschen, der Sonnen und Erden; sie kreisen und bahnen und wirken in ihren gegebenen Sphären; doch all' dem Kreisen und Bahnen und Wirken ist treulich und weislichst gesetzt ein Ziel, hier ein endlich's und dort gar ein ew'ges.
Vom nichtigen Punkt beginnt die Erde die weithin gedehnte Bahn zu durchkreisen, und endet dieselbe am nämlichen Tag stets wieder.
So auch der Mensch auf der Erde im Staub den Kreis seines Wirkens beginnt, und endet dann wieder im nichtigen Staub denselben. Die Welten und Sonnen vergehen, wenn ganz sie vollendet einst haben die weitesten Kreise im endlosen Raum und werden dann wieder atomischer nichtiger Hauch! Und die Menschen, die großen und stolzen, die werden zum Futter der Würmer, und diese dann endlich zur Nahrung des nichtigen Staubs.
Und wer kann es leugnen, und sagen: So ist es nicht! Denn es lehrt ja die stete Erfahrung, dass alles dem nichtigen Punkt oder Staub entsteigt, und endlich stets wieder zu selbem rückkehrt.
Und doch mag der Mensch, der gar blinde Bewohner des Staubs, sich höchlichst erheben und tun, als ob er im ewigen Zentrum der ewigen Allmacht und göttlichen Herrschaft sich befände.
Du armer Bewohner des Staubs, gedenk' doch am Schluss der Bahn der Erde, am Schluss des Jahres, wie alles mit der staubigen Welt seine endliche Bahn beschließt, und das auf dem Punkt des Nichts, da der herrlichst dir scheinende Flug war begonnen, so wirst du ersehen dein törichtes Treiben und Jagen im Staub, als Staub nach dem Staub.
Wie töricht wäre doch der, der im schwankenden Nachen* noch möchte verweilen, so er in diesem ein Ufer erreichte, und möchte in selbem ein Walten anfangen, als wär' er ein mythischer Gott über Wogen und Fluten.
Ist's anders mit dir, mein hochtrabender, mächtig dich dünkender Bruder? O sieh, mitnichten, du bist nur ein Tor und ärgerlichst blind, d'rum magst nicht erschauen die nackteste Wahrheit, und nimmer begreifen, dass diese sehr schwankende Welt ja doch nichts als ein ebenso schwankender Nachen nur ist; dieser Nachen kann tragen dich staubigen Bruder entweder an's Ufer des Lebens, und ebenso gut an das staubige lockere Ufer des Todes, aus dem du nicht leichtlich erstehen mehr wirst.
O so mache denn einmal ein bleibendes Ende dem staubigen Jagen und Treiben; bedenke, dass Einer nur über dem Staub der Welten frei lebt und herrscht, und Dieser ließ staubig uns werden, damit wir die Ohnmacht des Staubs für's ewige Leben hier sollten verkosten, um dadurch stets mächtiger Ihm nachzustreben, und treten mit unseren Füßen den nichtigen Staub!
Und wann solches du wirst erkennen, so wird dir der nichtige Wechsel der Zeiten kein Wechsel mehr sein, denn du wirst dann erhaben im Geist und der Wahrheit hoch über den dampfenden Trümmern der guten Zeiten dastehen und sagen: Ich habe im schwankenden Nachen das Ufer erreicht, das Ufer des Lebens, und habe gefunden den Heiligen Vater voll Lieb' und Erbarmen. So strebt mir nach all' ihr Brüder; denn hehr ist zu wohnen im Schoß des Vaters!


Psalmen und Gedichte S.32


* kleines, flaches Boot/Fischerkahn


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