Das Leiden des Herrn - Fasten, Armut, Liebe - Der Prophet Jakob Lorber

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Das Leiden des Herrn -
Fasten, Armut, Liebe


Wenn ihr so fragt, so fragt ihr recht; denn in solchen Fragen liegt dasjenige zu Grunde, was jedem Menschen am meisten Not tut. Ihr habt zwar euer leichtes Anliegen nicht in der Form einer Frage gegeben, dessen ungeachtet sind aber die gegebenen Worte nichts als Fragen aus eurem Herzen, deren sonderheitliche Beantwortung euch jetzt gegeben wird; die große Antwort aber erst dann, wenn ihr sie durch die Beobachtung der sonderheitlichen in euch finden werdet, d.h. die sonderheitliche Beantwortung ist ein Wegweiser, der euch zeigt, wie das menschliche Leben beschaffen sein soll im Geist und in der Wahrheit voll Liebe und lebendigen Glaubens, um durch dieses Leben dann sicher gelangen zu können zum inneren Leben des Geistes, und endlich durch dieses erst zu Mir.
Wer aber zu Mir gelangen wird, der wird dadurch auch gelangen zur allgemeinen Beantwortung nicht nur dieser von euch gegebenen Fragen, sondern auch jener unendlichen, die in diesen vieren enthalten sind. Denn wahrlich, verstündet ihr in eurem Herzen das große Geheimnis Meines Leidens, alle Engel des Himmels würden ehrfurchtsvoll und in allerhöchster Freude ewig zu euch in die Schule gehen und allzeit nach beendigter Schulzeit mit unermesslichen Wundern bereichert zurückkehren; verstündet ihr in euren Herzen gerecht zu fasten, wahrlich ihr möchtet nimmer danach fragen, denn durch solches Fasten wäre Ich euch schon lang ein sichtbarer Vater geworden, allda Ich euch dann mit dem leisesten Hauch mehr geben könnte, denn sonst mit tausend Worten; verstündet ihr in euren Herzen, was die wahre Armut ist, wahrlich schon jetzt wärt ihr reicher, wie manche Fürsten des Himmels; denn es liegt in der wahren Armut ein gar großer Schatz, welcher mit keinem irdischen Maßstab zu ermessen ist; denn die wahre Armut ist es, die da ewig gespeist wird mit Meinem Wort, wie ihr es auch lest, dass das Evangelium den Armen gepredigt werden soll; auch wird die wahre Armut verstanden so, dass sie gleichlautend ist mit den Hungrigen und Durstigen, die da ebenfalls aus Meinen Worten vollauf werden gesättigt werden. Und endlich verstündet ihr erst in eurem Herzen die Liebe, wahrlich, da wäre an euch erfüllt die große Forderung, die Ich an Meine Apostel gerichtet habe, da Ich zu ihnen sagte: „Seid vollkommen, wie euer Vater in den Himmeln vollkommen ist.“
Liebe Kinder! Was meint ihr wohl, was diese Anforderung besagt? Seht, diese Anforderung besagt nichts mehr, nichts weniger, als bloß die ziemlich große Kleinigkeit, dass der Mensch vollkommen Mir in allem gleichen soll. So ihr nur einen allerleisesten Begriff von Meiner Größe, Macht und Kraft und von allen Meinen unendlichen Vollkommenheiten euch machen könnt, so werdet ihr euch wohl auch davon einen kleinen Begriff machen können, was das heißen will, wenn Ich zu euch sage, dass auch ihr so vollkommen werden solltet, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist. Wenn aber der Sohn die Seinen zu Miterben gemacht hat, auf dass Er vollkommen brüderlich teile das große Erbe vom Vater, so will auch das nichts anderes sagen, als dass die Seinen zu derselben Gerechtigkeit, zu derselben Macht und Kraft des Geistes Gottes gelangen sollen, welche dem Sohn im Vater und dem Vater im Sohn von Ewigkeit her innewohnt. Bevor jedoch Ich euch alles dieses noch etwas näher auseinandersetzen werde, wollen wir zur speziellen Beantwortung eurer vier Hauptfragen zurückkehren.
Was Mein Leiden betrifft, so habe Ich so gelitten an Meinem Leib als ein jeder anderer Mensch, und zwar in derselben Ordnung, wie ihr es lest in den Evangelien. Weil aber das menschlich leidende Ich noch ein anderes göttliches Ich in sich schloss, so war dieses Leiden auch ein doppeltes, nämlich das äußere leibliche und das innere göttliche! Worin das äußere Leiden bestand, wisst ihr; aber worin das göttliche Leiden bestand, das ist eine andere Frage. Damit ihr euch davon einen Begriff machen könnt, so denkt euch, was das heißen will, wenn der unendliche Gott in dieser Leidensperiode Sich aus Seiner unendlichen und ewigen Freiheit zurückzog, und in dem Herzen des leidenden Sohnes oder Seiner Liebe Seine Wohnung nahm. Nun seht, Mein Äußeres wurde durch die bitteren Leiden bis auf den Punkt des Todes gedrückt; die im Herzen sitzende Gottheit aber musste den Tod und die Hölle von dem innersten Punkt aus besiegen. Nun denkt euch den leidenden Gottmenschen, der da nun gestellt war zwischen zwei Feuer: Von außen her drückte Mich der Tod und die Hölle mit all ihrer Gewalt so lange, bis Mein natürliches Leben bis zu dem innersten Punkt Meines Herzens getrieben wurde, von innen aus aber wirkte diesem Druck die Gottheit mit all Ihrer unendlichen Macht und Kraft entgegen, und ließ sich nur durch die Liebe selbst bis auf einen Punkt zusammentreiben. Nun denkt euch wieder: Dieselbe Macht und die selbe Kraft, welche mit einem Hauch alles, was da lebt und schwebt in der ganzen Unendlichkeit in einem Augenblick zerstören könnte, dieselbe Macht und Kraft, die alle Ewigkeiten und Unendlichkeiten nicht erfassen, die die ganze unendliche Schöpfung aus sich werden hieß, oh hört, dieselbe Macht und Kraft in ihrer vollsten Allheit hat sich so weit aus ihrer Unendlichkeit heraus, wie schon gesagt, auf einen Punkt beengen lassen, welche Beengung die größte Demütigung der Gottheit in Mir freiwillig war. Wenn ihr dieses nur ein wenig in eurem Herzen zu fassen im Stande seid, welchen leidenden Kampf Ich da als die ewige Liebe zu bestehen hatte, so werdet ihr euch wohl auch einen kleinen Begriff machen können, was alles unter Meinem Leiden verstanden wird. Dieses Leiden dauerte bis auf einen Punkt, bis Ich am Kreuz ausrief: „Es ist vollbracht! Vater, in Deine Hände empfehle Ich Meinen Geist.“ oder mit anderen Worten: „Sieh Vater! Deine Liebe kommt zu Dir zurück.“, und sobald wurden von der unendlichen Macht Gottes alle Bande des Todes und der Hölle zerrissen; hinaus stürmte die ewige Macht mit verunendlichfältigter Gewalt, die ganze Erde bebte angerührt von der Allgewalt Gottes; freiwillig öffnete sie ihre Gräber und trieb die Gefangenen zum Leben hervor, und weiter drang dieselbe Allgewalt über alle sichtbare Schöpfung hinaus, erfüllte in dem Augenblick die Unendlichkeit wieder, und alle Sonnen in allen endlosen Räumen zogen ihr Licht aus übergroßer Ehrfurcht vor der sie neu berührenden Allgewalt Gottes in sich zurück. Dass aber die Gottheit bei diesem neuen Austritt in dem Augenblick nicht alles zerstört und vernichtet hatte, war allein die Liebe Schuld, die da nun vollends wieder mit Ihr vereinigt war.           
Nun seht, Meine lieben Kinder! Das ist, so viel ihr es fassen könnt, zu verstehen unter Meinem Leiden; allein es liegt aber noch Unendliches darin verborgen, daran ihr Ewigkeiten genug zu erforschen haben werdet, und das zwar immerwährend Größeres und Unendlicheres; denn was Ich euch jetzt gesagt habe, verhält sich zur Vollheit gerade so wie ein Punkt zur Unendlichkeit. – Wenn ihr aber fastet, da fastet in der wahren Verleugnung eurer selbst aus reiner Liebe zu Mir an allem, was die Welt euch bietet, so werdet ihr durch solches gerechtes Fasten zu dem Brot des Himmels gelangen. Wie aber eine Braut am Hochzeitstag alle ihre früheren Kleider auszieht, sich wäscht am ganzen Leib, dann ihre Brautkleider anzieht und sich schmückt mit allerlei Blumen und Edelsteinen, auf dass sie dem Bräutigam wohl gefalle, so er kommt und sie führt in sein Haus, ebenso sollt ihr durch das gerechte Fasten alle eure weltlichen Kleider ausziehen, euch waschen mit lebendigem Wasser, und anziehen dann Kleider der wahren Liebe, der Unschuld, aller Demut, und euch schmücken mit allerlei Blumen aus Meinem Wort und aus eurem lebendigen Glauben, wie auch mit kostbaren Edelsteinen aus den Werken der Liebe; und wenn sodann der große Bräutigam kommen wird, und wird euch treffen so wohlbereitet, da wird auch Er tun, das von dem bildlichen Bräutigam gesagt wurde, und wenn ihr euch dann in dem Haus des Bräutigams befinden werdet, da wird Er euch eine Schatzkammer auftun und euch beschenken mit den unermesslichen Schätzen des ewigen Lebens, welches da ist eine Folge Meines bitteren Leidens oder der Erlösung.
Und was das Fasten ist, das ist auch die Armut, denn wahrlich, wer nicht arm geworden ist an allem, was Welt ist, der wird nicht eher in Mein Reich eingehen, als bis er den letzten Heller der Welt zurückgegeben hat. Seht, das ist also die wahre Armut im Geist und in der Wahrheit. Dass da die freiwillige Armut einen unendlichen Vorzug hat vor der genötigten, versteht sich so sehr von selbst, dass eine nähere Erörterung darüber im höchsten Grad überflüssig wäre, und kann daher die genötigte Armut nur durch die gänzliche Ergebung in Meinen Willen und in Meine Liebe der freiwilligen gleichkommen.
Nun aber fragt euch: Wie ist das Verhältnis der Braut zu ihrem Bräutigam, für den sie keine Liebe hegt im Herzen? Wird sie sich wohl auch so schmücken für die bewusste Stunde, da sie weiß, dass der Verachtete kommen wird? Wird sie diese Stunde mit der großen Sehnsucht ihres Herzens erwarten? Ich sage euch: mitnichten; denn sie wird diese Stunde in ihrem Herzen verwünschen und verfluchen; sie wird sich nicht waschen, sondern sich eher beschmieren mit allerlei Schmutz; und wird anbehalten ihre Alltagskleider und ihr Haupt bestreuen mit Asche, in der Meinung, wenn der bewusste Bräutigam kommen wird, so wird er sich entsetzen vor ihr, und wird ablassen von seinem Begehren, und wahrlich, wenn der Bräutigam kommen wird, und wird so treffen seine Braut, Ich sage euch, er wird sie nicht nehmen, so er Mir gleicht, sondern wird die Lieblose bereitwilligst dem überlassen, dem sie ihre Liebe zugesagt hat. Nun seht, da eine Braut sich nur schmückt für den rechten Bräutigam, so sie ihn liebt, so wird euch auch wohl sehr leicht klar werden, dass ohne Liebe zu Mir an kein Fasten und keine Armut zu denken ist, und somit auch an keine hochzeitliche Ausschmückung, da wird auch kein Nachhauseführen der Braut erfolgen, welches Nachhauseführen nichts anderes als die Erlösung vom Tod zum Leben ist. Seht, wie sich da eure Fragen verhalten! In Meinem Leiden ist die Liebe; das Fasten und die Armut ist das Leiden der Liebe; und das Leiden der Liebe ist die Ausschmückung derselben, und in der Ausschmückung, welches das Leiden ist, ist die Erlösung; somit ist die Liebe, das Leiden und die Erlösung eines und dasselbe. Wer demnach so liebt, wie es euch gezeigt worden ist, der hat sich der Erlösung teilhaftig gemacht, und sein Teil wird gleich sein dem Meinem. Gleichwie aber der Bräutigam all seine Güter vollkommen teilt mit seiner Braut, so wird es auch sein in Meinem Haus; alsdann werdet ihr erfahren, was das heißt: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“. Amen. Das sage Ich, eben derselbe Vater im Himmel! Amen.


Festgarten, „Das Leiden des Herrn“ S.1


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